Vor uns liegen die Grenadinen. Speziell mit den Tobago Cays sollen sie eine der schönsten Ecken in der Karibik sein. Allerdings eilt gerade auch den südlichen Grenadinen der Ruf voraus, mit die aggressivsten Boat Boys zu haben. Mit ihren kleinen Motorbooten kommen sie teilweise schon weit vor der Küste angesaust und versuchen zunächst einmal, eine Yacht an »ihre« Moorings zu bekommen. Gerade auf St. Vincent und den Grenadinen, aber auch auf St. Lucia oder anderswo müssen diese vermittelten Moorings allerdings gar nicht »ihre« Moorings sein, das merkt man aber erst, wenn noch einmal jemand auftaucht, um die Mooring-Fee zu kassieren, die man natürlich schon bei dem so hilfreichen Boat Boy bezahlt hat. Kontrollieren oder prüfen kann man so etwas kaum und eine Nachfrage oder gar ein Widerspruch lässt einen nicht nur ohne Mooring, sondern auch mit dem unguten Gefühl zurück, nicht zu wissen, was nun passiert. Denn irgendwie ist man ja doch gerade in Ungnade gefallen. Als Alternative kann man natürlich ankern, so ist man eh autark, was ja bei dem ungewissen Zustand der Moorings auch durchaus eine schlaue Idee sein kann, doch auch dann muss man erst einmal dem Drängen ein Ende setzen, was dann am grundsätzlichen Ergebnis auch nicht viel ändert.
Und nach den Moorings geht es weiter, denn man kann sich vor den vielen Angeboten, die von frischem Fisch bis hin zur Müllentsorgung reichen, kaum retten. Dem folgen dann »a special offer in the beach bar« oder »a friend has a taxi, very cheap«. Und am Dinghy Dock erwartet die meist minderjährige »Security« einige Dollar, damit dem Dinghy nichts Unvorhergesehenes passiert. Grenzen gibt es kaum und preiswert ist auch irgendwie anders. Als nordeuropäisches Seelchen ist man so etwas nicht gewohnt und wenigstens wir wollen so etwas auch gar nicht, da wir grundsätzlich selbst entscheiden und auch erwarten, dass unsere Entscheidung ohne Diskussion oder gar Nachspiel respektiert wird. Ohne Frage gibt es auch Boat Boys, die dies ohne Wenn und Aber auch tun oder sehr freundlich nur ihren Flyer mit Infos und Telefonnummer herüberreichen. Mit Sicherheit sind die auch in der Mehrheit. Doch am Ende versauen die Negativbeispiele den Ruf, was dann doch alle trifft.
Auf der anderen Seite ist so ein »Geschäftssinn« auch nur zu verständlich, wenn man mal die Aggression oder den echten Betrug ausklammert. Gerade auf den Grenadinen stehen sich millionenschwerer Reichtum und Armut direkt gegenüber. Und das nicht erst seit Beryl. Wenn ständig eine Millionenyacht neben der anderen vor deiner Nase ankert und du selbst nicht weißt, wie du über die Runden kommen sollst, dann sorgt das fraglos für Frust, der nicht einfach mal so heruntergeschluckt werden kann. Und da braucht es dann auch nicht mehr diese Arroganz, mit der viele Yachties oder Charterer unterwegs sind. Irgendwie fühlt man sich auf den großen weißen Yachten ja doch überlegen und der Blick vom Partydeck geht fast zwangsläufig von oben nach unten und kennt keine Augenhöhe.
Neben diesem Bedrängen und dem »Geschäftssinn« gibt es natürlich auch echte Kriminalität. Geklaut wird überall, so auch auf allen Karibikinseln. Wobei man in den Hotspots auf Martinique oder Guadeloupe schon den Verdacht haben darf, dass dort die Mehrzahl der Diebstähle auf das Konto lieber Segelkollegen geht oder auf das Konto der vielen, die hier ohne Geld oder aufgrund anderer Probleme hängen geblieben sind. Dagegen kann man sich jedoch ganz gut wappnen, wenn man z.B. sein Dinghy anschließt. Zuhause in Deutschland schließen wir unser Fahrrad ja auch immer vor dem Supermarkt oder der Haustür an. Das hat sich irgendwie bewährt 🙂. Ganz so ungewöhnlich ist das also nicht.
Doch es gibt auch echte Raubüberfälle und die ballen sich eben nicht auf Martinique, Guadeloupe oder Antigua. Das ist wie z.B. in Miami, wo jeder Reiseführer davor warnt, eben nicht nachts in Little Havana herumzulaufen, Designerklamotten zu tragen und mit dem neusten iPhone herumzuwedeln. Wenn man das vermeidet, hat man nicht sofort die Hauptrolle eines potentiellen Opfers inne. So einfach ist das als Fahrtensegler allerdings nicht, denn man ist mit etwas unterwegs, das einen per se als potentielles Opfer qualifiziert. Und das Schöne dabei ist, als Fahrtensegleropfer hat man immer zwangsläufig alles dabei, denn weit und breit gibt es keinen Hotelsafe, in dem man seine Wertsachen gelassen haben kann. Machen kann man dagegen nichts, es hilft nur Umsicht, etwas gesunder Menschenverstand und vielleicht auch der Verzicht darauf, eine Nacht ganz allein in einer einsamen Ankerbucht zu verbringen, auch wenn das bis kurz nach Sonnenuntergang brutal romantisch ist. Um das alles wenigstens etwas einschätzen zu können, ist das CSSN, das Caribbean Security and Safety Network, sehr hilfreich. Es versucht, einen statistischen Überblick zu geben, und listet tatsächliche Vorfälle auf. Das zusammen mit den Infos und Reviews aus z.B. Noforeignland ist schon sehr hilfreich, um einer gefühlten Unsicherheit reale Ereignisse gegenüber zu stellen. So etwas würde bestimmt auch dem ein oder anderen Höckegläubigen AfD-Wähler in Deutschland helfen, um die reale Welt in all den rassistischen Lügen wiederzufinden. Doch das ist nun wirklich ein anderes Thema 😂.
via Union Island nach Bequia
Carriacou, Grenada -> Union Island, Grenadines -> Bequia, Grenadines
Distanz: 39,2 sm – Gesamtdistanz 2025: 3.321,1 sm
Vormittags fahren wir noch einmal kurz in die Tyrell Bay, um auszuchecken. Für St. Vincent und die Grenadinen könnten wir eigentlich gleich in Clifton auf Union Island wieder einchecken. Das liegt nur 10 sm nördlich von Carriacou. Doch aufgrund einiger aktueller Berichte zu den Boat Boys entscheiden wir uns dagegen. Eigentlich könnte Union Island über jeden einzelnen Gast froh sein, denn die Insel wurde von Beryl ebenso hart getroffen wie Carriacou. Und sie ist in jeder Hinsicht schlechter dran, denn von einer Hilfe, die Carriacou von Grenada bekommen hat, kann man auf Union Island nur träumen. Es mangelt an allem und aus dem Norden von Bequia und St. Vincent kommt fast keine Hilfe bei den normalen Insulanern an. Die vielen Reichen und die privaten Luxusresorts auf Mayreau, Canouan oder Mustique interessiert das alles wenig, denn die haben andere Quellen und Möglichkeiten. So mangelt es schlicht an allem. Warum man auf diesem Hintergrund nicht alles dafür tut, dass Gäste gerne kommen und zufrieden wieder abreisen, verstehen wir nicht.
Doch so schlagen wir gleich mal zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir lassen Clifton auf Union Island aus und planen, in Bequia einzuchecken. Und um dorthin zu kommen, können wir endlich mal wieder etwas segeln. Von Carriacou bis Bequia sind es zwar auch nur 40 sm, aber das ist ja schon mal ein Anfang. Außerdem sorgt die Extraschleife zurück nach Canouan und Mayreau ja auch noch für einige hübsche Segelmeilen.
Dennoch legen wir über Nacht in der Chatham Bay im Westen von Union Island noch »inkognito« einen kleinen Boxenstopp ein. Flor und Peter mit ihrer Lasmiranda sind dort und wir wollen noch einmal Hallo sagen.
Der Gegensatz zu Carriacou ist riesig. Während auf Carriacou schon vieles wieder steht, existieren die Strandbars in der Chatham Bay nur als Provisorium. Zusammen mit Flor und Peter gehen wir in eine der ärmlichsten Butzen und bekommen einen Rumpunch in Marmeladengläsern serviert, der unter einer Zeltplane gemixt wurde. Tomo’s provisorisch zusammengenagelte Strandbar auf Carriacou war dagegen ein echtes Luxusresort.
Um wenigstens etwas Unterstützung mit nach Carriacou zu bringen, haben wir in einem Baumarkt auf den Kanaren mehrere Kartons mit Holzschrauben und einen Schraubenzieher mit Bits gekauft. Auf Carriacou haben wir dann aufgrund der aktuellen Berichte aus Union Island beschlossen, unsere kleine Hilfe nicht auf Carriacou zu lassen, sondern mit nach Union Island zu nehmen. Dies war der zweite Grund für uns, in der Chatham Bay einen kurzen Zwischenstopp einzulegen. Natürlich gibt es in der Chatham Bay auch die Boat Boys, wobei man Alex wohl doch eher schmeichelt, ihn noch einen Boy zu nennen. Er ist freundlich und unaufdringlich und versucht nur, hier und da ein kleines Geschäft zu machen. Bevor wir am Morgen wieder aufbrechen, warten wir auf ihn, bis er auf seiner Runde zu uns kommt. Als wir ihm den Beutel mit dem Schrauben und dem Werkzeug geben, ist er etwas überrascht. Doch wir sind uns nun sicher, dass es der Richtige bekommen hat, weil er so einen kleinen Support wirklich gebrauchen kann. Höchstwahrscheinlich gehen die Schrauben nicht in sein eigenes Bauprojekt, doch auf irgendeine Art und Weise werden sie ihm sicher helfen.
Unser anschließender Segeltag nach Bequia ist wunderbar. So schön es auch ist, immer wieder an hübschen Stellen zu ankern, in erster Linie sind wir ja zum Segeln hierher gekommen. Denn das Segeln in der Karibik ist einfach unglaublich viel angenehmer als im grauen Norden, auch wenn die seglerischen Herausforderungen meist überschaubar bleiben. Allein der warme Wind macht schon einen riesigen Unterschied. So lassen wir die 30 sm viel zu schnell in dem satten Blau des warmen Karibikwassers zurück und freuen uns schon mal gleich auf unsere Extrarunde zurück in die südlichen Grenadinen.
Bequia
Die Admiralty Bay von Bequia scheint frei von aufdringlichen Boat Boys zu sein, was den Aufenthalt schon gleich wesentlich entspannter und schöner macht. Dafür gibt es hier »Versorgungsboote«, die von Trinkwasser über Eis und Diesel bis hin zu Einkaufs- und Laundry-Services alles anbieten, was Fahrtensegler so brauchen könnten. Sie fahren ständig langsam durch das Ankerfeld und man muss sie nur heranwinken, wenn man etwas möchte. So geht das auch und ganz offensichtlich machen die drei oder vier verschiedenen Dienstleister hier auch ein gutes Geschäft. Ständig sieht man sie an irgendeiner Yacht, um irgendetwas zu erledigen oder auszuliefern. Doch nicht alles klappt immer vollkommen reibungslos und hat auch seine kuriosen Seiten zum Schmunzeln. Am dritten Tag kommt ein etwas verzweifelt aussehender Boat Boy mindestens dreimal bei uns vorbei, um ein Paket mit frisch gewaschener Wäsche auszuliefern. Von irgendeiner deutschen Yacht oder war es vielleicht doch ein Belgier oder ein …, aber wer weiß das schon so genau, hat er am Morgen einen Sack dreckige Wäsche abgeholt und nun findet er sie nicht wieder. Irgendwann ist er wieder verschwunden, ob mit oder ohne gewaschene Wäsche wissen wir nicht 😂.
Das Einchecken am zweiten Tag geht vollkommen problemlos und innerhalb von 30 Minuten ist alles erledigt. Danach gehen wir Einkaufen. Das Angebot von Obst und Gemüse ist üppig und auch einigermaßen preiswert, doch wir machen den Fehler, einen Beutel Tomaten zu kaufen, ohne nach dem Preis zu fragen. Schließlich sind es ja auch »nur« Tomaten. Doch Tomaten scheinen der Kaviar der Karibik zu sein. Ein echtes Luxusgut, was unseren preiswerten Einkauf am Ende gar nicht mehr so preiswert sein lässt. Dafür gibt es im Supermarkt Zimtschnecken, die so lecker sind, dass wir jeden Tag wieder nach ihnen suchen. Aber wir scheinen am ersten Tag zufällig den Zimtschneckentag getroffen zu haben. Noch einmal bekommen wir keine, obwohl wir schnüffelnd durch die Straßen ziehen, weil manchmal tatsächlich Zimtschneckenduft in der Luft zu liegen scheint. Doch weder in der Bäckerei noch in einem anderen Supermarkt finden wir noch einmal Zimtschnecken. Ohne Frage müssen wir dringend eine Eigenproduktion ankurbeln, aber dafür brauchen wir erst einmal einen neuen Herd, denn so langsam erscheint uns das Kochen und Backen mit unserm alten Herd doch etwas zu gefährlich zu werden. Doch das ist eine andere Geschichte, die wir später noch erzählen und auch erst auf Martinique lösen können.
Ansonsten vergehen die Tage in der Admiralty Bay super angenehm. Auf unseren Spaziergängen laufen wir nicht nur bis zum Fort Hamilton, sondern inspizieren auf dem Rückweg auch immer gleich die Angebote der verschiedenen Supermärkte. Die sind alle nicht wirklich riesig, doch auch wenn das Sortiment zunächst einen recht ähnlichen Eindruck macht, gibt es Unterschiede, nicht nur in den Preisen. So bekommen wir in einem der Supermärkte tatsächlich recht preiswerte, tiefgefrorene Hähnchenbrüste. Hähnchen gibt es in der Karibik viel, aber ein karibisches Hähnchen ist entweder ganz oder wird wenig liebevoll in Teile zerhackt, die wir dann doch nicht so gerne haben wollen. Also ein Glücksfall, den wir auch gleich ausnutzen.
Als wir tauchen, um unsere Logge zu reinigen, damit sie mal wieder etwas mehr als einen Knoten Fahrt anzeigt, bemerken wir, dass wir seit Grenada wohl irgendwo in der Kinderstube von Seepocken geankert haben müssen. Sie sitzen wie kleine Stipper dicht an dicht am Rumpf und sind messerscharf. Schnell sind die Hände und Arme blutig verkratzt, aber die Baby-Pocken lassen sich wenigstens noch bereitwillig mit einem Spachtel abkratzen. Doch auch das dauert fast einen ganzen Tag.
So haben wir zu tun, doch dann geht es noch einmal zurück in die südlichen Grenadinen.
Chatham Bay, Union Island, Grenadinen
12° 36′ 03,1” N, 061° 26′ 58,7” W
Admiralty Bay, Bequia, Grenadinen
13° 00′ 05,3” N, 061° 14′ 44,6” W